Femizide – auch in der Schweiz ein Thema, über das gesprochen werden muss
22.11.2022 Aktuell, Politik, Foto, Region, BurgdorfAm samstäglichen Oberstadtmarkt stellten die Mitglieder des Soroptimist
International Clubs Burgdorf vergangene Woche auf dem Kronenplatz eine Installation mit 25 Paar Schuhen auf orangem Grund auf. Mit dieser Aktion wollten sie unter anderem auf die kommenden Orange Days aufmerksam machen, während derer weltweit Aktionen gegen die Gewalt an Frauen und Mädchen stattfinden.
«D’REGION» konnte ein Interview führen mit der Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH Dr. med. Nevenka Wyss, die die «Orange Days»-Aktionen für den Burgdorfer Serviceclub koordiniert.
«D’REGION»: Sie haben hier 25 Paar Frauenschuhe auf orangem Grund installiert. Was wollen Sie damit aussagen?
Nevenka Wyss: Die Farbe Orange steht für die Orange Days, die mit jeweils am
25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, beginnen und am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, enden. Während dieser Zeit finden weltweit Aktionen zur Bekämpfung von Diskriminierung und Gewalt jeder Form gegenüber Frauen und Mädchen statt.
Mit der Schuh-Installation wollen wir den Blick der Öffentlichkeit auf Femizide in der Schweiz lenken. Obwohl die Schweiz im internationalen Vergleich sehr gut dasteht, darf man dennoch nicht ignorieren, dass hier pro Jahr durchschnittlich 25 Frauen nur aufgrund der Tatsache, dass sie Frauen sind, ermordet werden. Und rund die doppelte Anzahl Frauen entgeht einem versuchten Femizid.
Mit anderen Worten: Jede Woche wird eine Frau in der Schweiz Opfer eines Tötungsversuchs, jede zweite Woche ist ein Tötungsversuch erfolgreich.
«D’REGION»: Was bringt denn eine solche Schuhaktion konkret?
Nevenka Wyss: Unser Ziel ist, möglichst viele Menschen für das Thema zu sensibilisieren, ihnen Beratungsangebote aufzuzeigen und ihnen damit eine Möglichkeit zu geben, einen gewaltlosen Weg einzuschlagen. Vielen ist nicht bewusst, dass es unter den Tätern nicht nur Personen mit Migrationshintergrund, sondern auch Schweizer gibt. Ausserdem kommen die Täter aus allen Gesellschaftsschichten, was für viele auch erstaunlich ist.
«D’REGION»: Planen Sie noch weitere Aktionen an den Orange Days?
Nevenka Wyss: Ja, obwohl eine Sensibilisierungsaktion dieses Jahr wegfällt: In den vergangenen Jahren haben wir nämlich während der Orange Days in Burgdorf verschiedene Gebäude orange beleuchtet. Wegen des zu erwartenden Energiemangels haben wir dieses Jahr jedoch entschieden, dass wir auf die ursprünglich geplante Beleuchtung der Stadtkirche verzichten, und das Geld, das wir dafür ausgegeben hätten, direkt ans Frauenhaus Bern überweisen.
Ausserdem wollen wir gemäss dem Motto von Soroptimist International «Bewusst machen, Stellung nehmen, handeln» nicht nur die Bevölkerung sensibilisieren, sondern auch konkret handeln. Deswegen laden wir am 24. November 2022 – am Vorabend der Orange Days – zu einem Kino-Benefizanlass mit kleinem Imbiss im Kino Krone ein. Da wir als Club die gesamten Organisationskosten übernehmen, wird der Erlös aus den Ticketverkäufen ebenfalls ans Frauenhaus gehen.
«D’REGION»: Warum gehen die Spenden gerade an das Frauenhaus Bern?
Nevenka Wyss: Wir unterstützen das Frauenhaus seit einigen Jahren mit unseren «Orange Days»-Spenden und wissen durch unsere Kontakte, dass dort sehr gute und wertvolle Arbeit geleistet wird. Obwohl die Schweiz seit 2018 Mitglied der Istanbul-Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt ist, reichen die finanziell zur Verfügung gestellten Mittel leider nicht aus für eine konsequente und vollständige Umsetzung der Gewaltschutzverpflichtungen aus der Istanbul-Konvention. Und da die Platzverhältnisse im Frauenhaus Bern wegen der grossen Nachfrage momentan äusserst eng sind, wollen wir mit der Spende dazu beitragen, einen Wohnwagen anzuschaffen zur zeitnahen Raumentlastung.
Andrea Flückiger