Podium zur Massentierhaltungsinitiative

  07.09.2022 Aktuell, Politik, Kirchberg, Foto, Gesellschaft

Der Präsident der Partei «Die Mitte» Kirchberg, Bernhard Lippuner, begrüsste vergangenen Dienstag die Gäste im Saalbau zur Podiumsdiskussion zum Thema «Massentierhaltungsinitiative». Das Eingangsreferat hielt Hannah von Ballmoos-Hofer, Mitarbeiterin der Geschäftsstelle des Bauernverbandes. Sie führte den Gästen den Istzustand der Landwirtschaft vor Augen. Die Schweine- und Rinderbestände in landwirtschaftlichen Betrieben seien seit den 1980er-Jahren rückläufig (21,5 Prozent). Beim Geflügel stiegen die Bestände um 77,2 Prozent. In keiner Kategorie werde mehr produziert als konsumiert, was bedeutet, dass die Schweiz bereits heute Fleisch importieren muss. Jede Person isst jährlich 51,8 Kilogramm Fleisch.
Von Ballmoos machte darauf aufmerksam, dass Tiere nicht nur für die Fleischproduktion gehalten werden, sondern auch für Milchprodukte und Eier. Häufig werde die Landwirtschaft – insbesondere das Rindvieh – wegen der durch sie entstehenden Treibhausgase angeprangert, doch diese machen lediglich 13,2 Prozent der Landesemissionen aus. Das Rindvieh sei zudem wichtig für die Bewirtschaftung von Weideflächen und Grünland und brauche verhältnismässig wenig Zusatzfutter.
Zum Schluss wies sie auf den Initiativtext hin. Die Massentierhaltungsinitiative verlangt tierfreundliche Unterbringung und Pflege, den Zugang ins Freie, eine schonende Schlachtung und eine maximale Gruppengrösse pro Stall. Dies ist für die Initianten wichtig, weil immer mehr industrielle Grossbetriebe die traditionellen Höfe verdrängen. Diese würden das Tierwohl systematisch missachten. Die Ställe seien der dazugehörenden Landfläche nicht angepasst.

Pro und Kontra
Der Moderator und Chefredaktor der «Bauern Zeitung», Adrian Krebs, wollte wissen, welche Auswirkungen eine Annahme der Initiative auf das Leben der Podiumsteilnehmer hätte. Die beiden Befürworter, Dr. med. vet. Rolf Frischknecht, Präsident Dachverband Berner Tierschutzorganisation (DBT), und Silvano Lieger, Initiativkomitee, Geschäftsleitung Sentience, zeigten Verständnis für die Ängste vieler Landwirte, doch die Forderungen würden erst in 25 Jahren in Kraft treten und lediglich bei fünf Prozent der Landwirte zu Veränderungen führen.
Für Biobauer, Nationalrat und Präsident Schweizer Bauernverband (SBV) Markus Ritter («Die Mitte») hätte die Annahme der Initiative keine direkten Auswirkungen. Nur die Bioprämien würden wegfallen. Lieger erklärte, dass die Differenzierung punkto Qualität nach oben weitergehen könne, wenn Bio zum Standard würde. Franz Guillebeau, Schweinezüchter, Verwaltungsrat Suisag, hat in seinem Labelbetrieb die Ställe nach neusten Vorschriften umgebaut. Mit einem Ja würde sein Betrieb an Wert verlieren, denn er könne aus baulichen Gegebenheiten die Auslaufrichtlinien nicht ausreichend erfüllen. Das sei eine schlechte Ausgangslage für die folgende Generation, an die er bald übergeben wolle.
Die Bioproduktion sei wesentlich teurer, zeitintensiver und aufwendiger. Zudem sei nur ein kleiner Teil der Kundschaft bereit, teures Fleisch zu kaufen. Die Initiative verlangt, dass die Importe den gleichen Standards entsprechen müssen. Trotzdem wäre ausländisches, dem neuen Standard entsprechendes Fleisch billiger als regional produziertes. Die Preisdifferenz zwischen einheimischem Biofleisch und konventionellem ausländischen Fleisch würde somit extremer, was den Einkaufstourismus weiter anheizen würde. Viele Konsumenten/-innen sowie Gastro- und Hotelbetriebe seien nicht gewillt, teurere Produkte zu kaufen. Ritter meinte, es brauche auch günstigeres regional produziertes Fleisch, das sich die Bevölkerung leisten könne. Es sei nicht Aufgabe des Bundes, die Mehrkos­ten zu tragen, sondern die der Konsumenten/-innen. Wenn die Leute besser aufgeklärt würden über die Tierhaltung in der Schweiz, wären sie bereit, einen höheren Preis zu bezahlen, ist Lieger überzeugt. Obwohl die Schweiz in Europa die strengsten Auflagen zur Tierhaltung habe, heisse dies nicht, dass diese überall befriedigend seien.
 
Die Tierschutzinitiative setzt sich für das Wohl der Tiere ein
Die Initiative fordere zusätzlich Import­regulierungen, was der inländischen Produktion zugutekäme, erklärte Lieger. Diese verlange keine mengenmässigen Beschränkungen, sondern eine qualitative. Ritter hingegen ist überzeugt, dass die Bevölkerung wächst und darum auch der Konsum. Der Schweizer Bauer würde mengenmässig weniger produzieren wegen strengeren Auflagen und darum müsste noch mehr importiert werden. Frischknecht ist der Überzeugung, dass in Zukunft weniger Fleisch gegessen wird, und Lieger sieht junge Start-ups als zukünftige synthetische Fleischproduzenten.
Das Publikum klinkte sich oft ins Gespräch ein. Eine junge Bäuerin fragte, wie sie den Hof umbauen solle, wenn sie nicht wisse, was die Zukunft von ihr verlange. Zudem würde mit den neuen Verordnungen der Bau vieler neuer Ställe und Auslaufflächen nötig. Das sei schwierig, denn schon jetzt seien die daraus entstehenden Geruchsemissionen oft Thema, vor allem in dicht besiedelten Gebieten. Ein Landwirt erwähnte 2000 Betriebe im Emmental, von denen kein einziger in Massentierhaltung produziere.
Weitere Themen rund um die Initiative wurden vertieft diskutiert. Die Podiumsteilnehmer begegneten sich rücksichtsvoll, hörten einander zu und antworteten mit dem nötigen Respekt.
Helen Käser


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