Thorberg auf neuen Wegen
17.05.2022 Aktuell, Politik, Krauchthal, Wirtschaft, RegionAm 1. Mai 2022 hat die neue Organisation in der Justizvollzugsanstalt Thorberg (JVA) ihren Betrieb aufgenommen. An einem Medienanlass wurde die Umsetzung erläutert. Es informierten unter anderen Regierungsrat Philippe Müller, Vorsteher der Sicherheitsdirektion des Kantons Bern, Romilda Stämpfli, Vorsteherin des Amts für Justizvollzug, und Hans-Rudolf Schwarz, Direktor der JVA Thorberg.
Justizvollzug nach Mass
«Wenn der Staat zum Mittel der Strafe greift, dann muss er damit einen über blosse Vergeltung hinausreichenden Zweck verfolgen.» Dieses Zitat stammt von Franz von Liszt, deutscher Rechtswissenschaftler und von 1898 bis 1917 Professor für Strafrecht an der Berliner Universität. «Für mich ist dieses Zitat der Schlüssel zur Umsetzung des neuen Konzepts.» Dies sagt Hans-Rudolf Schwarz, seit Herbst 2019 Direktor der JVA.
«Justizvollzug nach Mass» nennt sich die neue Ausrichtung, die er erarbeitet hat und die nun greift. Sie soll gezielt auf die individuellen Ressourcen der Gefangenen einwirken und bestmögliche Voraussetzungen für eine erfolgreiche Wiedereingliederung schaffen. Bereits rein ökonomisch betrachtet bestehe ein Interesse, den Drehtüreffekt zu vermeiden. Entlassung in die Freiheit und nach zwei Monaten wiederum Eintritt in die JVA, das könne keinesfalls die Lösung sein. Der Justizvollzug müsse eine längere Wirkung aufbringen. Ein Strafaufenthalt in der JVA Thorberg kann laut Schwarz jährlich bis zu einer halben Million Franken an Kosten verursachen.
Fortschrittlicher Umbruch
Trotz sehr vielen Arbeiten und Änderungen in der JVA, «blieb kein Stein mehr auf dem anderen wie noch vor einem Jahr», so Schwarz. «Dabei geniesst die Sicherheit oberste Priorität und sie ist nach wie vor absolut gewährleistet.»
Der Besuch einer Delegation des Europäischen Ausschusses zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung trieb die Neuausrichtung voran. Im Mai 2021 inspizierte dieser Ausschuss den Thorberg. Das Disziplinarreglement sei zu wenig individuell. Bildungs- und Bewegungsangebote fehlten. Ungenügende Ressourcen im Gesundheitsdienst und Kritik am Hochsicherheitstrakt, weil zu wenig menschliche Kontakte und Beschäftigungen und daraus resultierende Auseinandersetzungen mit den Gefangenen, wurden gerügt. Bereits im Februar 2021 bestätigte eine interne, vorgängig durchgeführte Analyse der JVA, geleitet durch Schwarz, genau diese Punkte.
Der Vertreter des Gefangenenrats, Roland M., sieht heute ebenso eine Perspektive. Die Atmosphäre sei positiv und in eine gute Richtung gelenkt. Unter den Gefangenen sei es ruhiger geworden. Er lobte die Fitnessräumlichkeiten, die Weiterbildung, die Möglichkeit, in der Zelle jederzeit telefonieren zu können. Bemängelt wurden der interne Kiosk und allgemein die Verpflegung.
Assessment-Center als Grundstein
Ein Assessment-Center, eine Innovation im schweizerischen Strafvollzug, trägt zum Fortschritt bei. In einem 13-tägigen Durchlauf für Neueintretende werden ihre Fähigkeiten und Potenziale, aber auch die Risiken beispielsweise von Fluchtgefahr oder der Gefahr von Übergriffen auf Personal oder Mitgefangene erkannt. Dies lässt als Ziel individuelle Arbeiten mit den Insassen zu, wie Regine Schneeberger, verantwortlich für die Ausbildung der Mitarbeitenden und massgeblich am Aufbau des Assessments beteiligt, auf einem Rundgang erläutert.
Arbeitsagogisch betreute Arbeitsplätze oder ein Raum zur sportlichen Betätigung wurden geschaffen. Zugleich eine Leitungsstruktur, die die Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Fachpersonen am Vollzug fördert. Der Gefangenenrat gehört nun ebenso zur Neuerung. Für die Weiterentwicklung der JVA sind weitere Anpassungen geplant, darunter zum Beispiel die Schaffung neuer Arbeitsateliers mit der Möglichkeit, Berufslehren zu absolvieren, ein Besuchszentrum mit einem Familienzimmer sowie einfache bauliche Massnahmen für bessere Büro- und Verpflegungsräumlichkeiten für Mitarbeitende. Die Masterplanung zur Erneuerung der Justizinfrastruktur sieht vor, dass der Thorberg noch bis Mitte der 2030er-Jahre funktionstüchtig bleiben muss.
Diese Neuerungen stellten grosse Herausforderungen dar, sowohl für die Angestellten als auch für die Gefangenen. Dienstpläne wurden geändert. Mitarbeitende krempelten für die Umsetzung teils ihr ganzes Familienleben um. Schwarz zollt auch ihnen höchsten Respekt.
JVA-Direktor geht nun in Pension
Der neue Direktor hatte sich über das ordentliche Pensionsalter hinaus zur Verfügung gestellt, den Thorberg neu zu positionieren. Nun ist für ihn der Zeitpunkt gekommen, die Übergabe seines Postens sicherzustellen. «Unsere Erwartung, dass Hans-Rudolf Schwarz die JVA Thorberg mit seiner langjährigen Expertise im Justizvollzug beruhigen und neu ausrichten kann, hat sich vollkommen bestätigt. Dafür gebührt ihm Dank und Anerkennung», sagt Sicherheitsdirektor Philippe Müller.
Dem scheidenden Direktor wird nun ebenso ein neuer Wind um die Ohren wehen. Auf die Frage, was er in seinem Pensionsleben machen wird, antwortet er, dass er für sein Hobby, das Kitesurfen, nun mehr Zeit haben werde.
Paul Hulliger