Gefängnis-Direktor Georges Caccivio muss gehen

  11.02.2014 Aktuell, Krauchthal, Region, Gesellschaft

Erst wird nur andeutungsweise bekannt, dass es in der Führungsetage der Strafanstalt Thorberg nicht immer mit rechten Dingen und gesetzeskonform zugehe. Dann gelangen häppchenweise Details an die Öffentlichkeit, und schliesslich werden nicht mehr tragbare – und tolerierbare – Verfehlungen von Caccivio bekannt. Am 3. Februar verfügt Hans-Jürg Käser, Kantonaler Polizei- und Militärdirektor, die vorläufige Einstellung von Caccivio im Amt. Ab sofort übernimmt der stellvertretende Direktor Klaus Emch die Führung der Strafanstalt mit rund 180 Gefangenen und 120 Angestellten. Vergangenen Freitag, am 7. Februar, erhält Caccivio dann die Entlassung.

Erst bester Bewerber – jetzt Abklärungen
Erst jetzt wird – nachdem sich auch der Vorgänger von Caccivio, der frühere Thorberg-Direktor Hans Zoss (seit 1994, in Pension seit Ende Oktober 2011) zum Evaluationsverfahren ge­äussert hat – bekannt, dass es sich unter Umständen bei Caccivio doch nicht um den am besten geeigneten Zoss-Nachfolger gehandelt hat. Sowohl Polizeidirektor Hans-Jürg Käser als auch Martin Kraemer, Vorsteher des Amtes für Freiheitsentzug und Betreuung, sehen sich derzeit einem Trommelfeuer von Vorwürfen ausgesetzt. Letzterer zeichnet für die Ernennung von Caccivio verantwortlich.

Ersterer, weil er nach Meinung seiner Kritiker nicht schon längst die Öffentlichkeit über die Ungereimtheiten auf dem Thorberg informiert hat, von denen einige bereits Ende August 2013 bekannt geworden sind. Und Letzterer, weil er trotz Bewerbungen von mindes­tens zwei bestens qualifizierten Persönlichkeiten seinen früheren Mitarbeiter auf diesen Posten gehievt hat. Während sechs Jahren hat Caccivio als Stabschef in Kraemers Amt gearbeitet, wie der «Bund» schreibt.

Weiter im Drogenmilieu verkehrt
Das Rauschen im Blätterwald wird un­überhörbar, als Caccivios frühere Kontakte zu einer Drogenprostituierten und seine Besuche im Bieler Szenelokal Yucca, bekannt als Treffpunkt der Bieler Drogenszene, publik werden. Käser weist diese Vorwürfe anfangs mit dem Hinweis zurück, diese Kontakte zur
Prostituierten «fallen in die Zeit vor Caccivios Amtsübernahme auf dem Thorberg und sind als privat zu betrachten». Inzwischen melden verschiedene Medien, diese Besuche in der Prostituiertenszene habe Caccivio auch nach seiner Wahl als Thorberg-Direktor fortgeführt. Laut Käser, der davon erst seit wenigen Tagen Kenntnis haben will, «sind Drogenbesuche eines Thorberg-Direktors absolut nicht tolerierbar und dieser entsprechend nicht mehr tragbar». Auch Kraemer hat inzwischen eingeräumt, dass er von früheren Besuchen Caccivios im «Yucca» gewusst habe und deshalb die von Käser vergangene Woche beantragte externe Untersuchung des ganzen Falles begrüsse.

Mehr als per Du und Bilderkauf
Nachdem die ursprünglich angeordnete interne Untersuchung inzwischen durch eine externe ausgeführt wird, sind sich die Thorberg-Mitarbeiter und -Insassen sowie die breite Öffentlichkeit einig: Es geht nicht mehr nur um das von Caccivio mit zwei ihm von früher her bekannten Insassen beibehaltene «Du» im persönlichen Gespräch und deren eventuelle Bevorzugung, sondern um mehr.

Laut Käser besteht die Möglichkeit, dass eine zu grosse Nähe und Vertrautheit zwischen Anstaltsdirektor und Gefangenen diverse Möglichkeiten für Abhängigkeiten und Erpressung des Direktors liefern können. Wie weit diese schon fortgeschritten sind, zeigt ein weiterer Vorfall. Inzwischen ist bekannt geworden, dass Caccivio einem hier einsitzenden schweizweit bekannten «Schläger», der laut Gerichtsurteil mit Kollegen eine ganze Gemeinde terrorisiert hat, ein in der Strafanstalt gemaltes Bild abgekauft hat und einen weiteren Bilderverkauf aus einer Bilderserie – aufgehängt ausserhalb des «Künstlers» Zelle – autorisiert hat. Hier haben Thorberg-Insassen die unterschiedlichen «Rechte und Freiheiten der Bewohner» kritisiert.

Milieu-Kontakte vertuschen
Als gravierend beurteilen inzwischen nicht wenige Leserbrief-Schreiber den Umstand, dass Caccivio seinerzeit das Personaldossier eines neu eingewiesenen Thorberg-Insassen hat «bereinigen» lassen. Laut «Berner Zeitung» wird der Vizedirektor angewiesen, aus dem bei der Einweisung dieses Mannes mitgegebenen Dossier ein Blatt mit Aussagen von Caccivio in einem Gerichtsverfahren zu entfernen, das dessen Aussagen als Zeuge in einem Mordprozess im Umfeld des «Yucca» beinhaltet und aus dem hervorgeht, dass Letzterer Sex mit einer Drogenprostituierten gehabt hat. Käser bestätigt diesen Vorfall.

Inzwischen ist bekannt, dass sich im Sommer 2012 ein Thorberg-Mitarbeiter an Hermann Weyeneth gewandt und diesen über vermutete Missstände im Gefängnis informiert hat, wie Letzterer Ende Januar im Schweizer Fernsehen SRF publik gemacht hat. Daraufhin habe Käser eine interne Untersuchung der Vorfälle angeordnet. Daneben läuft eine Anzeige gegen unbekannt wegen Amtsgeheimnisverletzung, da Thorberg-Interna an die Medien weitergegeben worden sind.

Täglich neue Details
In Printmedien, Radio und Fernsehen werden täglich neue Meldungen mit Details rund um den Thorberg publik, die in keiner Weise einem geordneten Ablauf in einer kantonalen Strafanstalt entsprechen. Am Wochenende bestätigt Polizeidirektor Hans-Jürg Käser, dass gegen Caccivio nach der Freistellung Anfang letzter Woche vergangenen Freitag das Kündigungsverfahren eingeleitet worden ist.

Damit geht ein Arbeitsverhältnis zu Ende, dessen Beginn schon im Auswahlverfahren für Nebengeräusche gesorgt hat. Thorberg-Vorgänger Zoss und der umtriebige alt SVP-Nationalrat Hermann Weyeneth – der massgeblich an der Aufdeckung verschiedener Thorberg-Missstände mitgewirkt hat – haben Caccivios Wahl zum Thorberg-Direktor infrage gestellt. Weyeneth ist vergangenen Sommer von Thorberg-Mitarbeitenden über Bedenken und Vorwürfe gegenüber Anstaltsdirektor Caccivio informiert worden und hat noch im August 2013 eine Aussprache mit fünf Anwesenden organisiert: Weyeneth, SVP-Fraktionschef Peter Brand, Käser, Caccivio und Kraemer.

Wird laut Bericht der «SonntagsZeitung» Anfang 2011 in der öffentlichen Ausschreibung für die Stelle noch «ein abgeschlossenes Hochschulstudium für die herausfordernde Kaderfunktion» verlangt, reichten bei Caccivio eine kaufmännische Ausbildung und diverse Weiterbildungen. Eine Sicherheitsprüfung sowie ein Charaktertest erübrigten sich, obgleich die Kontakte zur Drogenprostituierten bekannt gewesen sind, desgleichen die Besuche im «Yucca».

«Unschöne Rangelei»
Die externe Thorberg-Untersuchung soll nun auch offene Fragen zu weiteren Vorkommnissen der Ära Caccivio klären wie die Anzeige eines Insassen vom August 2013, die weitere Abklärungen nötig macht. Offensichtlich noch nicht aufgearbeitet ist laut der «SonntagsZeitung» eine Schlägerei zwischen Thorberg-Mitarbeitern im Zusammenhang mit einem «Aufnahmeritual», als ein neuer Gefängniswärter aus Serbien in einer Sicherheitsschleuse eingeschlossen worden ist. Er gerät in Panik und schlägt einen Mitarbeiter nieder. Angeblich hat Käser, als er informiert wird, von einer «unschönen, aber nicht gravierenden Rangelei gesprochen», während der Betroffene jetzt Aussenseiter sei und gemobbt würde.

Während sich die Mauern der Strafanstalt bis letztes Jahr – zumindest für Gerüchte – als relativ undurchlässig erwiesen haben, finden jetzt immer mehr und immer schneller Details den Weg an die Öffentlichkeit. Im Herbst 2012 hätte sich rund ein Dutzend Insassen bei Caccivio über Probleme mit einem Vollzugsangestellten beklagt.

An die Mauer gekettet
Zu guter Letzt noch ein Blick in die Überwachungszelle: Thorberg verfügt zwar nicht mehr wie in früheren Jahrhunderten über eine Folterkammer, aber über besagte Zelle. Nur hat diese zwei in die Mauer eingelassene Haken, an denen Unbotmässige mit ihren Handschellen angekettet werden. So geschehen dreimal im vergangenen Jahr 2013. Inzwischen gerät auch der von Käser mit der externen Untersuchung beauftragte Strafrechtsexperte Benjamin Brägger in die Kritik, da er früher als Mitarbeiter der Strafanstalten Witzwil Kraemer unterstellt gewesen ist, der für Caccivios Anstellung auf dem Thorberg verantwortlich zeichnet.

Gerti Binz


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